Schlagwort-Archiv: Experimentelle Zenkünste

4 … oder: die ideale Zahl

Die Zahl 4 als Ordnungsprinzip ist in der Kulturgeschichte allgegenwärtig und ist ein Ausdruck der weitesten Entwicklung. Sie stellt das Ende eines Zyklus dar, der mit einer Zweiheit – einem Dualismus – beginnt.

Am Anfang steht die 1, die Einheit, das Ungeteilte. Teilt dieses Eine sich (Yin&Yang, Licht&Dunkel, männlich&weiblich, Wasser&Erde…), entsteht eine Zweiheit und mit ihr ein Dualismus der zwei scheinbar unvereinbaren Gegensätze.

Indem man „Gegensätze“ nicht dual, sondern polar betrachtet – also zusammengehörig wie die Pole eines Magneten – nimmt man einen übergeordneten Sinn an, der die Gegensätze vereinen kann. Das Eine, Ungeteilte, kommt wieder hinzu als Drittes … und wir sind bei der Zahl 3.

Die 2 kann aber nun etwas eigenes: die beiden Elemente kann man zueinander in Beziehung setzen. Dieses zu jenem, jenes zu diesem, dieses zu diesem und jenes zu jenem. Dazu benötigt man die 1 nicht! Und, es entstehen 4 Möglichkeiten der Kombination.

Damit ist man tatsächlich am Ende eines Zyklus, denn aus den Zahlen 1, 2, 3 und 4 lassen sich alle anderen Zahlen ableiten. 1+2+3+4=10, womit diese vier Ziffern auch die Basis des Dezimalsystems darstellen. Ganz zu schweigen vom binären Zahlensystem, das genau auf diesen zuvor beschriebenen 2² Beziehungen aufbaut. Kein Wunder, dass die Phythagoreer die Zahl 4 als ideale Zahl betrachteten.

2×2: das Rechteck, oder in der Sonderform ein Quadrat, ist in praktisch allen Kulturen Grundlage für die Gestaltung von Häusern, Feldern und Dörfern. Das Feng Shui in China baut ebenso darauf auf, wie die Ordnung der Kelten oder Maya. Und auch in unserer Sprache erinnert das Wort „Stadt-VIERTEL“ an diese Grundlage.
Selbstverständlich denkt man nun auch an die 4 Himmelrichtungen, 4 Mondphasen, 4 Jahreszeiten…

…und weiter an 4 Kardinaltugenden (Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit), die 4 apokalyptischen Reiter in der Offenbarung des hl. Johannes, 4 Vedas der Inder, 4 heilige Bücher des Islam, 4 Evangelien, die 4 edlen Wahrheiten des Buddhismus, das Tetragramm des Gottesnamens in der hebräischen Bibel, das Kreuz mit seinen vier Dimensionen … und, nicht zuletzt, an den Archetyp der Quaternität, den C. G. Jung eingeführt hat, mit dem das trinitarische Denken abgelöst werden sollte.

Raum
Raum (sichtbares Licht, Dimensionen, Weltraum, Raumzeit)
(Ölkreide auf Papier, © ars73, 2008)

Die 4 drückt immer etwas aus, was eine weitere Entwicklung darstellt, etwas, das über das hinausgeht, was gemeinhin durch eine Dreiheit ausgedrückt wird.
So kritisierte im 15. Jahrhundert der mystische Dichter Kabir Hinduismus und Islam gleichermaßen, wenn er sich darüber beklagt, dass Millionen von Menschen die Drei (Reichtum, Sinneslust und rechtes Verhalten) suchen. Das einzig Erstrebenswerte sei jedoch das Vierte: die Erlösung von der Unrast des geschöpflichen Lebens. [zit. nach Endres, Schimmel (1995)]

Friedrich Weinreb, der sich intensiv mit der Zahlenmystik in der hebräischen Bibelsprache auseinander gesetzt hat, findet so auch weitere Entsprechungen der Zahl 4. Er beobachtet z.B. 4 Elemente der Sprache:
– Buchstaben (geschriebene)
– Laute (gesprochene Konsonanten der hebräischen Sprache)
– Vokale (die Farbe der Laute)
– die Melodie des gesprochenen Wortes oder Satzes.

Dieser 4-heit spüren wir gerade in den Experimentellen Zenkünsten nach, wenn wir sinnfreien Lautmalereien zuhören und Sprache auf eine ganz andere Art erhören, erspüren und erfahren.

Und im Tai Ji Quan und Qi Gong spüren wir weitere 4-heiten unseres Körpers:

  • 4 Temperamente, die auf die 4 Gallen beruhen, der schwarzen, der roten, der weißen und der grünen
  • 4 Extremitäten
  • Lunge, Atem, Herz und Kreislauf, die 4-heit, die für unser Leben steht
  • und das Verhältnis 1:4 von Lunge zu Herz, denn auf einen Atemzug kommen etwa vier Herzschläge.

Vielleicht achten Sie in Zukunft beim Üben von Tai Ji und Qi Gong oder auch beim Experimentieren mit den Zenkünsten einmal bewusst auf diese Vierheiten.
Wenn Ihnen weitere auffallen, freuen wir uns über Kommentare und eine Diskussion.

 

Literatur:
Endres, Franz Carl; Schimmel, Annemarie (1995): Das Mysterium der Zahl. Zahlensymbolik im Kulturvergleich. Sonderausgabe. München: Diederichs (Diederichs gelbe Reihe Weltkulturen, 52).
Weinreb, Friedrich (1987): Leiblichkeit. Unser Körper u. seine Organe als Ausdruck d. ewigen Menschen. 1. – 3. Tsd. Weiler im Allgäu: Thauros.
Weinreb, Friedrich (2007): Zahl, Zeichen, Wort. Das symbolische Universum der Bibelsprache. Neu gestaltete inhaltlich unveränderte Ausgabe. Zürich: Verlag der Friedrich-Weinreb-Stiftung.

Was ist wirklich gegeben?

Eine phänomenologisch-integral-zenige Hin-Sicht oder …
Die Unterscheidung der Ebenen des Gegebenen als „rückbindender“, also religiöser Akt. 

Die Zugehensweise auf die jedem auf seine Art erscheinende Welt geschieht durch die mehr oder eher weniger bewußt reflektierte „phänomenologische Einstellung„, in einem unendlich zu differenzierenden  Hinblick auf die konkreten Gegebenheiten. Griechenland 2004 042
Wir alle sind also „eingestellt“, Theorien umflort, Meinungs- durchsetzt, Vorurteils- geschwängert. Aber wir vermögen auch integral zu sein!Wenn ich, beispielsweise, mit meiner rechten Handfläche auf einen hölzernen Lattenrost  drücke, so spüre ich Bereiche in meiner Hand, die den Widerstand fühlbar vermitteln, und andere Zonen ,  die ins Leere drücken. Und, hier nicht näher ausgeführt, nehme ich auch meinen gesamten Körper wahr, wie er sich an dieser Bewegung funktional, auf seine Weise so „intelligent“ beteiligt. In diesem Erfahrungsmoment ist jedweder Gedanke, beispielsweise an die „linke und rechte Hirnhälfte“ und an „Nerven“, abstrakt, also vom „Konkreten“ abziehend und damit  auf einer  ganz anderen Ebene.

Alle Theorien, alle „aufbauenden“, in gewisser Weise höherliegenden Gegebenheiten, sind deshalb nicht etwa unwahr, sondern nur auf einer anderen Ebene gegeben.

Und dies muß unser Streben sein, stets anzugeben, auf welcher Ebene was, wie  gegeben ist! IMG_0464
Unterlassen wir dies, und geben uns nicht, zwar ganz unzeitgemäß  aber doch diesem aufwendigen Bemühen hin, enden wir in einem meist nicht einmal bemerkten Tohuwabohu. Eine phänomenologisch-integral-zenigliche Einstellung macht aber vorallem heiter und frei, weil wir von einer Warte schauen, die den Blick über die Wunder-vollen Mannigfaltigkeiten des Gegebenen allererst ermöglicht.
Und diese immer wieder neu zu eröffnende und einzuübende  Einstellung zeigt sich nicht zuletzt im Tai Ji Quan und in den Schiebenden Händen, dem allumfassenden Ausgleich von Yin&Yang und im Qi Gong, der universellen Kultivierung unserer Lebenserergie!
Immer wieder kehren wir auf den Flügeln unseres so weit aufgefächerten Geistes ein in die leibhaftige Gegenwart.  AWF

Von der Be-WERT-ung zum Wert

Ein Thema, das sich für einen Anfänger der Experimentellen Zenkünste z.B. in den Konstellationsspielen aufdrängt, sind Bewertungen. War das jetzt gut, was ich gemacht habe, oder nicht?
Nun geht es genau darum, diese Fragen und Bewertungen erst einmal wahrzunehmen … und irgendwann auch sein zu lassen. Es ist egal…

Aber ist das so sinnvoll? Wäre es wirklich gut, wenn unser Leben frei von Bewertungen wäre?
Ich meine, nein!

Fangen wir ganz archaisch an. Der Jäger und Sammler, der auf der Suche nach Nahrung ein Tier erlegt oder Früchte gefunden hat, musste immer entscheiden, ob diese Nahrung genießbar war oder nicht. Das ist eine Bewertung! Und noch dazu eine sehr wichtige!
Ein leitender Angestellter oder Unternehmer auf der Suche nach einem neuen Mitarbeiter: Der neue Mitarbeiter muss bewertet werden, ob er/sie für die Stelle geeignet ist und die notwendigen Fähigkeiten mitbringt. Kein beliebtes Thema! Aber notwendig!
Jeder Liebende bewertet seine Liebe! Sonst wäre die Liebe nicht da… Irgendetwas hat er oder sie in den Augen des Liebenden, was andere nicht haben.
Bewertung ist unvermeidlich. Schon die Tatsache, dass man liebt, ist eine Bewertung. Und das ist gut so!

In unserer Gesellschaft wird sehr viel Unwichtiges bewertet. Modische Kleidung, Äußerlichkeiten und Statussymbole spielen eine größere Rolle als der Mensch, der in der Kleidung steckt!
Dort, wo allerdings eine ehrliche Bewertung angebracht wäre, findet sie in der Regel nicht nur nicht statt, sondern wird nachgerade bekämpft unter dem Deckmäntelchen der Chancengleichheit o.ä.
Nehmen wir die Berufswahl: eine liebevolle Be-WERT-ung eines Jugendlichen würde so manchen unglücklichen Erwachsenen vermeiden helfen. Wieso soll ein junger Mensch, der gerne und gut kocht und bäckt, Industriekaufmann werden?
Nur, weil man damit – vielleicht – mehr Geld verdienen kann und in einem namhaften Großkonzern einen – angeblich – sicheren Arbeitsplatz bekommen kann? Welchen Wert hat es dann, dass aus diesem fröhlichen jungen Menschen ein unglücklicher, womöglich kranker, Arbeitnehmer wird, der sich im Großkonzern eingesperrt und „versklavt“ fühlt? Dieser fröhliche Mensch würde unter Umständen mit einem eigenen kleinen Restaurant sehr glücklich werden… Wer weiß das schon außer dem Betroffenen selbst?

Bewertungen sind immer subjektiv. Das muss uns klar sein.
Schwierig wird es nämlich in dem Moment, wo diese subjektiven Maßstäbe objektiviert und gedankenlos anderen übergestülpt werden. Wenn wir in unserer großen Liebe – durch die rosa Brille – etwas sehen, was gar nicht da ist, wird es zwangsläufig irgendwann knallen!
Genauso, wenn Eltern (und Lehrer) junge Menschen in Berufe drängen, von denen die Erwachsenen Wunschvorstellungen in sich tragen, die aber weder mit dem Berufsalltag noch mit den Vorlieben und Eignungen des jungen Menschen etwas zu tun haben…

Die Experimentellen Zenkünste lehren mit ihrer achtsamen Wahrnehmung von Bewertungen, den Maßstab nicht an andere Menschen oder Dinge anzulegen – sondern an die Bewertungen an sich.
Auch eine Bewertung der eigenen Person ist in Ordnung, solange sie mich auf meinen ganz eigenen Weg führt, mich spüren lässt, was ich sehr gut kann, was mir Freude macht. Ist die Selbstbewertung jedoch so, dass sie den eigenen Selbstwert schmälert, muss sie als das erkannt werden!

Die Be-WERT-ung muss den Wert erkennen: den Wert des Objekts der Bewertung und den Wert der Bewertung an sich.

Ein stylishes T-Shirt ist ein Stück Stoff – oft nicht mal ein besonders wertvoller Stoff. Man zieht es an, weil irgendjemand (wer eigentlich?) festlegt, dass dieses Stück Stoff in dieser Farbe unbedingt „angesagt“ ist. Auch dann, wenn man weder die Farbe noch den Schnitt mag… Das ist uns wichtig! Nach solchen Äußerlichkeiten be-WERT-en wir einen anderen Menschen. Fragen dabei aber nicht, ob dieser Mensch glücklich ist!
Der junge Mensch auf der Suche nach einem Beruf (und hier sollten wir „Berufung“ hören) ist es uns nicht wert, dass wir uns so viele Gedanken über ihn machen, wie über unser stylishes T-Shirt. Der wird in einen Beruf gedrängt, in dem er sich möglichst viele stylishe T-Shirts kaufen kann…
Wir werden zu Konsumenten erzogen! Im Grunde ist es allen egal, was wir gut können und wie wir uns fühlen. Hauptsache, wir kaufen.

Wir dürfen und können nicht ohne Be-WERT-ungen leben, aber wir müssen sie erkennen. Und wir müssen einen eigenen Wert-Maßstab entwickeln, der jedesmal eine Warnlampe aufleuchten lässt, wenn wir von außen Be-WERT-ungen annehmen, ohne sie zu hinterfragen. Wenn wir mehr Aufmerksamkeit auf unseren Kleiderschrank und unser Auto richten als auf unsere Kinder.

Be-WERT-ungen sind wert-voll, aber sie dürfen kein Prokrustesbett werden, in dem alles abgeschnitten wird, was mich oder jemand anderen als Person ausmacht…

In Form…frei in der Form

Meist sind es Formen, die wir da im Tai Ji oder in Qi Gong-Übungsreihen lernen. Jede Form, jeder Stil, jede Übungsreihe schmeckt anders, betont Anderes, wirkt unterschiedlich; aber alle haben einen genau vorgeschriebenen Bewegungsablauf. In der Kurzform in 16 Sequenzen des Integralen Yang-Stils kann man Variationen einbauen, mannigfach, nach eigenem freien Willen, doch die Schrittabfolge bleibt bewahrt.
So weisen die Acht Edlen Übungen des Bewegten Qi Gong, auch als die 8 Brokate bekannt, ebenfalls viele Variationen in der Ausführung und sogar in der Reihenfolge auf, und trotzdem betitelt sie jeder Kenner als „Ba Duan Jin“.

Im Chan Mi (Qi) Gong gibt es die Basisübung mit ihren drei möglichen Wirbelsäulenbewegungen – Wellen, Pendeln und Drehschrauben. Sie vereinen sich zu Ru Dong, dem freien, individuellen Kombinieren. Aber die Freiheit hat ihre Grenzen: die Bewegungen sollten nicht anstrengend sein, eher gleichmäßig und ruhig, rund und entspannt, nach Innen wirkend.

Im freien Tui Shou, den Schiebenden Händen im Tai Ji, gibt es ebenfalls eine Grenze. Alle Techniken werden versucht, Schritte und Fußstöße integriert, doch die Grenze der Freiheit liegt im Bewahren der Grundprinzipien: stets aufrecht, verwurzelt und zentriert zu sein und alles miteinander verbunden zu haben.
Peng, die elastische, „ballige“ Kraft, und Lü, die empfangende, nachgebende Fähigkeit, sind immer da.

Im „spontanen“ Qi Gong ereignen sich Bewegungen, meist unvorherseh- und -spürbar, die plötzlich geschehen, da sich Verspannungen lösen und das Qi wieder ungehindert fließen kann.

Abstrakte Leiber
Abstrakte Leiber

Fast grenzenlos ist es beim „freien Bewegen“ in den Experimentellen Zen Künsten. Hier gibt es ein bewusstes Innehalten, hier gibt es extraordinäre Schiefstände, Abknickungen, Verdrehungen und „wilde Schieflagen“, die auch anstrengen dürfen – stets begleitet von einem wachen Schauen und Fühlen, Wahrnehmen, was ist und was sein kann. Nichts ist vorgeschrieben. Es ist nie gleich, immer anders. Staunen und Entdeckerfreude breiten sich im ganzen Körper aus. Die Grenze, die bleibt, ist die Schwerkraft, die Schweben und Fliegen verhindert, aber ansonsten alles ermöglicht. Sonst würden wir ja auch noch mehr abheben.

Wenn wir die Tai Ji-Form laufen, sind wir frei in der Form, bewegen uns mit immer frischem Anfängergeist. In der Form, jenseits der Form.

Der schöpferische Augenblick … für Lehrende

Wir gestalten schöpferisch unser ganzes Leben. Konkret zeigt es sich jedoch von Augenblick zu Lidschlag.
Wer lehrt, gestaltet die Stunde, den Nach- oder Vormittag, das Wochenende, das Semester, das Jahr, letztendlich die  ganze Lebenszeit. 
Die Freude beim Vermitteln von Kostbarem zeigt sich in den Gesichtern, spurt in den Mienen, lacht sich aus Mündern und gipfelt in einem Ausdruck von allmählichem Verstehen.
Und immer ist es der Lehrende auch, der nicht zuletzt vor allem ein Leerer, der ganz egoistisch sich selbst genügt, aber dennoch untrennbar mit allen Beteiligten verschmilzt zu einer Einheit des gemeinsamen Weges.
TaiJi, Qi Gong und Zen, experimentell und schöpferisch von Lidschlag  zu Augenblick.

AWF

Schere, Stein, Papier? – Stein, Tuch, Seil!

Die Oberfläche ist kühl, rau und schmiegt sich schwer in meine Hand. Wo ich den Stein weggenommen habe, ist nun eine Lücke. Es sieht dort anders aus.

Der Stein wird warm in meiner Hand, ich sehe das Muster auf seiner Oberfläche … spüre den Platz, auf den ich ihn legen werde … zwischen die anderen Steine und zwei lange Bambusstöcke.

Experimentelle Zenkünste mit Steinen
Experimentelle Zenkünste mit Steinen

Wann habe ich zum letzten Mal ein Gewicht in meiner Hand so achtsam wahrgenommen? Habe ich es überhaupt jemals getan?

Ich höre das tiefe, tönende Geräusch, das der Stein auf der Holzplatte erzeugt, als ich ihn ablege.

Ich höre, ich spüre, ich schaue … und staune, als ich unser „Spielfeld“ aus verschiedenen Perspektiven betrachte. Schließlich entdecken wir auch die dritte Dimension…

Grau ist nicht gleich grau…
Fläche ist einheitlich, gemustert, von mäandernden Linien durchzogen…
Wölbungen, Vertiefungen, Kanten…
groß, rund, flach, eckig oder klein,
für uns im Alltag: nur ein Stein!

… über den wir stolpern,
… den wir achtlos aus dem Weg treten.

Wie vieles hätte er uns zu sagen, würden wir ihm zuhören?
Wie vieles könnten wir durch ihn über uns selbst erfahren, ließen wir es zu?

War da nicht einen Moment in mir die Versuchung, den Stein einfach irgendwie mit einer Hand hinzulegen? Ihn gleichsam fallen zu lassen?
Als ich ihn dann doch mit beiden Händen ablege, spüre ich, dass die nach unten weisende Fläche nicht gerade ist. Wieso sollte sie auch? Der Stein kippt ein wenig nach, bevor er zur Ruhe kommt. Meine Hände fangen dieses Kippen auf … und warten, bis der Stein eine stabile Lage gefunden hat.

Nun liegt er aber nicht so, wie ich es erwartet hatte…
Egal! Es ist gut, wie es ist!

Experimentelle Zenkünste mit Tüchern
Experimentelle Zenkünste mit Tüchern

Das Harte, Kalte, Graue wird weich, zart, warm und bunt, wenn wir mit Tüchern spielen. Was vorher als Stein unverändert liegen blieb, bewegt sich nun im Wind, schwebt … rutscht … tut überhaupt nicht das, was man erwartet oder möchte … bäumt sich auf … und fällt in sich zusammen.

Rot, Gelb, Blau – werden trotzdem eine Einheit.

Die dicke Seide raschelt leise, wenn wir sie bewegen. Wir lassen sie rutschen, werfen, zupfen, raffen, drapieren – immer reihum, jeder greift auf (im Wortsinne!), was zuvor entstanden ist.

Der Stoff wiegt, verglichen mit den Steinen, fast nichts – und doch entstehen Gewichtungen: das dunkle Blau ist so viel schwerer als das lichte Gelb. Ziegelrot schafft Ausgleich.

Experimentelle Zenkünste mit Seil
Experimentelle Zenkünste mit Seil

Viele Steine, drei Tücher, ein Seil – Verdichtung!

Geworfener Stein – zerstört
Geworfenes (Hand-)Tuch – gescheitert (oder ist es ein Segel im Wind?)
Geworfenes Seil – verbindet, verankert

Das Seil fließt, Bewegungen an einem Ende setzen sich ein Stück in das Seil hinein fort. Ein sattes Geräusch, wenn es auf dem Boden aufschlägt!

Wir ziehen, werfen, drehen – es entstehen: Schriftzeichen? Runen?

Wieder die Frage, was will es mir sagen?

Experimentelle Zenkünste mit Seil
Experimentelle Zenkünste mit Seil

Aber: Will es mir überhaupt etwas sagen? Ist es nicht schon wieder so etwas typisch Menschliches, dass ich immer nach einer Bedeutung suche, bewerte, urteile?
Kann ich das Seil, die Tücher, die Steine nicht einfach so akzeptieren, wie sie in ihrer Eigenart zu liegen kommen?

Was aber ist es dann, was mich an dieser Ecke zupfen, jenen Stein verschieben, die Seilwindung drehen lässt?

Da ist etwas in mir, das nach Ausgewogenheit schreit, das das Spielfeld betrachtet und diese Ecke zu leer findet, jenen Stein zu einsam…

Nur, ist das die gleiche Instanz in mir, die urteilt? Die etwas schön oder hässlich und Experimentelle Zenkünste doof oder höchst spannend findet?
Oder ist da nicht etwas viel tiefer in mir, das dem roten Stoff zu mehr Ausdruck verhelfen und das eng gewundene Seil aus seiner gequälten Haltung befreien möchte?

Viele Fragen für die nächsten Stunden…

Einführung in die Experimentellen Zenkünste

„Schöpferisch werden und bewusst, um anders zu leben“

Jeder kann es…

Fröhlich und überrascht und staunend schauen auf das eigene Tun und das, was geschieht: das Spiel der Steine – der Wurf des Seils – die Entfaltung und der Tanz des Tuches…

Wir kommen in die Mitte, die überall ist… und immer hier und jetzt und jen- oder diesseits der klassischen Zen-Künste – Bogenschießen, Teezeremonie, Kalligraphie, Ikebana, das Sitzen – warten auf uns – absichtslos – und sich selbstlos freigebend für unser schöpferisches Tun, für einen un- oder sinnigen kreativen Akt, der sich ereignet, weil wir umfassend hören auf die Gegebenheiten: ein Stein ist ein Stein und steht für alles, was in einer Konstellation gesetzt werden kann, ein Seil hat seine wesenhaften Eigenheiten, die sich im Wurf oder im Ziehen zeigen, sowie sich das Wesen des Tuches beim Entfalten zeigt.

Und aaaaaaah! bei aller Achtsamkeit – ganz viel Lachen, jaaaaaaaah!

Wir fliegen über die Vielfalt der Möglichkeiten, die die experimentellen Zenkünste eröffnen. Schnuppern, wie die Gestimmtheit des täglichen Lebens zu verändern ist, indem wir bewusst schöpferisch werden. Spielerisch achtsam setzen wir Steine oder andere Dinge, entfalten das Tuch und werfen das Seil.

Alles was möglich ist, darf geschehen, Ungewohntes wird zugelassen und kann sich ereignen und Neues wird erforscht.

Nach diesen Stunden sind wir reicher an Möglichkeiten, den Alltag schöpferisch zu gestalten und als Schöpfung zu erleben. Was wir immer schon tun, tun wir achtsam und bewusst und spielen ganz ernsthaft und genau mit den Gegebenheiten.