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Achtsamkeit ist nichts für Weicheier!

Man könnte das Thema „Achtsamkeit“ in die „Eso-Schublade“ stecken und es dabei bewenden lassen, am Mittwoch Abend einen Stein achtsam von A nach B zu legen, oder ein Tuch, ein Seil, den eigenen Körper achtsam zu bewegen.
Spätestens um 22 Uhr trampelt man dann wieder auf die Straße und marschiert rücksichtslos in Richtung U-Bahnhof…

Fragen wir doch ruhig einmal – wie die Kinder in der Schule in Anbetracht der Infinitesimalrechnung: Wozu braucht man Achtsamkeit im richtigen Leben?

Dazu fiel mir in ganz anderem Zusammenhang kürzlich ein Buch in die Hände, in dem es darum geht, wie Unternehmen unerwartete Situationen meistern können, ohne dass Menschen oder das Unternehmen zu Schaden kommen und ohne die Situation eskalieren zu lassen (siehe Angabe am Ende dieses Beitrags).

Es geht dabei keineswegs um Krisenmanagement! Sondern darum, Krisen gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn: „In den frühesten Stadien macht sich das Unerwartete durch kleine Diskrepanzen bemerkbar, die schwache Warnzeichen kommenden Ärgers aussenden. Diese Hinweise sind schwer zu entdecken, doch wenn man sie entdeckt, kann man die Probleme noch leicht beheben.“

Begrenzte Sicht
Begrenzte Sicht

Diese Hinweise aufzuspüren, ist nicht einfach. Denn wir tendieren alle dazu, auf schwache, undeutliche Signale gar nicht oder nur nachlässig zu reagieren!
Doch wenn man, Sie ahnen es, achtsam mit den eigenen Aufgaben, mit Verantwortung, Entscheidungen und den Kollegen/Mitarbeitern umgeht, können Diskrepanzen auffallen und Probleme gar nicht erst entstehen.

So erkennt z.B. die Besatzung eines Flugzeugträgers per Funk an der Stimme des Piloten, der zur Landung ansetzt, ob dieser in hohem Maß gestresst ist und die Landung möglicherweise nicht beim ersten Versuch klappt.
Alle Landungen werden aufgezeichnet. Klappt eine Landung nicht, wird diese von der ganzen Besatzung analysiert – nicht um jemanden bloß zu stellen oder zu beschuldigen, sondern um daraus für die Zukunft zu lernen!

Verantwortliche in Atomkraftwerken oder Feuerwehren verlagern in Extremfällen die Entscheidungsbefugnis auf den Mitarbeiter, der die meiste Kompetenz und die meiste Erfahrung für den konkreten Fall aufweist – unabhängig von dessen Platz in der Hierarchie.

Fehler passieren immer, sie sind menschlich, aber sie dürfen niemals dazu führen, dass man wie das sprichwörtliche Kaninchen gelähmt vor der Schlange steht und nichts mehr unternimmt, um die Situation zu meistern.
Man muss lernen, flexibel zu denken und zu handeln, sich möglichst viele und möglichst komplexe Situationen vorzustellen und in Gedanken durchzuspielen. Die Welt ist komplex, unbegreiflich, unberechenbar. Je umfassender wir sie wahrnehmen können, umso eher können wir erkennen, wo überall sich kleine Veränderungen auswirken können, und umso gezielter können wir reagieren.

Komplexität
Komplexität

Nichts anders erfahren und üben wir, wenn wir an der einen Ecke eines Tuchs vorsichtig ziehen … und plötzlich die ganze andere Seite des Tuchs vom Tisch rutscht!
Dann haben wir etwas über das „System Tuch“ gelernt, das fließt und irgendwann vom eigenen Gewicht gezogen wird und dabei hohe Geschwindigkeiten erreichen kann. Was wir niemals erwartet haben!

Das System Tuch
Das System Tuch

Achtsam zu agieren ist anstrengend. Es erfordert eine hohe Konzentration und Willensstärke, sich nicht von unvorhergesehenen Dingen (und sei es der plötzliche Lärm von der Baustelle nebenan) ablenken und/oder erschrecken zu lassen. Das muss man üben – immer und immer wieder.

Und mit jeder  Stunde der Übung im Kleinen mit dem Stellen von Konstellationen, dem Malen von Linien, dem Bewegen des eigenen Körpers und der Erfahrung von dessen Grenzen nimmt man etwas von dieser Achtsamkeit mit ins „richtige“ Leben, in den Alltag, den Beruf, die Familie, den Straßenverkehr…

… so dass wir immer besser damit umgehen können, wenn Partner, Kinder, Kunden, Kollegen und Vorgesetzte plötzlich anders reagieren als erwartet!

(Fortsetzung folgt!)

Literatur:
Weick, Karl E.; Sutcliffe, Kathleen M. (2010): Das Unerwartete managen. Wie Unternehmen aus Extremsituationen lernen. 2. vollständig überarbeitete Auflage. Stuttgart: Schäffer-Poeschel

Schere, Stein, Papier? – Stein, Tuch, Seil!

Die Oberfläche ist kühl, rau und schmiegt sich schwer in meine Hand. Wo ich den Stein weggenommen habe, ist nun eine Lücke. Es sieht dort anders aus.

Der Stein wird warm in meiner Hand, ich sehe das Muster auf seiner Oberfläche … spüre den Platz, auf den ich ihn legen werde … zwischen die anderen Steine und zwei lange Bambusstöcke.

Experimentelle Zenkünste mit Steinen
Experimentelle Zenkünste mit Steinen

Wann habe ich zum letzten Mal ein Gewicht in meiner Hand so achtsam wahrgenommen? Habe ich es überhaupt jemals getan?

Ich höre das tiefe, tönende Geräusch, das der Stein auf der Holzplatte erzeugt, als ich ihn ablege.

Ich höre, ich spüre, ich schaue … und staune, als ich unser „Spielfeld“ aus verschiedenen Perspektiven betrachte. Schließlich entdecken wir auch die dritte Dimension…

Grau ist nicht gleich grau…
Fläche ist einheitlich, gemustert, von mäandernden Linien durchzogen…
Wölbungen, Vertiefungen, Kanten…
groß, rund, flach, eckig oder klein,
für uns im Alltag: nur ein Stein!

… über den wir stolpern,
… den wir achtlos aus dem Weg treten.

Wie vieles hätte er uns zu sagen, würden wir ihm zuhören?
Wie vieles könnten wir durch ihn über uns selbst erfahren, ließen wir es zu?

War da nicht einen Moment in mir die Versuchung, den Stein einfach irgendwie mit einer Hand hinzulegen? Ihn gleichsam fallen zu lassen?
Als ich ihn dann doch mit beiden Händen ablege, spüre ich, dass die nach unten weisende Fläche nicht gerade ist. Wieso sollte sie auch? Der Stein kippt ein wenig nach, bevor er zur Ruhe kommt. Meine Hände fangen dieses Kippen auf … und warten, bis der Stein eine stabile Lage gefunden hat.

Nun liegt er aber nicht so, wie ich es erwartet hatte…
Egal! Es ist gut, wie es ist!

Experimentelle Zenkünste mit Tüchern
Experimentelle Zenkünste mit Tüchern

Das Harte, Kalte, Graue wird weich, zart, warm und bunt, wenn wir mit Tüchern spielen. Was vorher als Stein unverändert liegen blieb, bewegt sich nun im Wind, schwebt … rutscht … tut überhaupt nicht das, was man erwartet oder möchte … bäumt sich auf … und fällt in sich zusammen.

Rot, Gelb, Blau – werden trotzdem eine Einheit.

Die dicke Seide raschelt leise, wenn wir sie bewegen. Wir lassen sie rutschen, werfen, zupfen, raffen, drapieren – immer reihum, jeder greift auf (im Wortsinne!), was zuvor entstanden ist.

Der Stoff wiegt, verglichen mit den Steinen, fast nichts – und doch entstehen Gewichtungen: das dunkle Blau ist so viel schwerer als das lichte Gelb. Ziegelrot schafft Ausgleich.

Experimentelle Zenkünste mit Seil
Experimentelle Zenkünste mit Seil

Viele Steine, drei Tücher, ein Seil – Verdichtung!

Geworfener Stein – zerstört
Geworfenes (Hand-)Tuch – gescheitert (oder ist es ein Segel im Wind?)
Geworfenes Seil – verbindet, verankert

Das Seil fließt, Bewegungen an einem Ende setzen sich ein Stück in das Seil hinein fort. Ein sattes Geräusch, wenn es auf dem Boden aufschlägt!

Wir ziehen, werfen, drehen – es entstehen: Schriftzeichen? Runen?

Wieder die Frage, was will es mir sagen?

Experimentelle Zenkünste mit Seil
Experimentelle Zenkünste mit Seil

Aber: Will es mir überhaupt etwas sagen? Ist es nicht schon wieder so etwas typisch Menschliches, dass ich immer nach einer Bedeutung suche, bewerte, urteile?
Kann ich das Seil, die Tücher, die Steine nicht einfach so akzeptieren, wie sie in ihrer Eigenart zu liegen kommen?

Was aber ist es dann, was mich an dieser Ecke zupfen, jenen Stein verschieben, die Seilwindung drehen lässt?

Da ist etwas in mir, das nach Ausgewogenheit schreit, das das Spielfeld betrachtet und diese Ecke zu leer findet, jenen Stein zu einsam…

Nur, ist das die gleiche Instanz in mir, die urteilt? Die etwas schön oder hässlich und Experimentelle Zenkünste doof oder höchst spannend findet?
Oder ist da nicht etwas viel tiefer in mir, das dem roten Stoff zu mehr Ausdruck verhelfen und das eng gewundene Seil aus seiner gequälten Haltung befreien möchte?

Viele Fragen für die nächsten Stunden…